Projekt
Bock haben – Ein Impuls zur lustvollen Kollaboration
Ein winterlicher Sonntag im Januar 2024.
Das Atelier im Artmax ist kalt, wie immer. Der Salzteig liegt abgedeckt bereit – neben heißem Kaffee, Brötchenkrümeln und veganem Aufschnitt. Im Gruppenchat trudeln die ersten Nachrichten ein: Müdigkeit, Glätte, Zeitverzug. Und doch – alle kommen. Irgendwann. Ohne Druck.
Nach einiger Zeit im Atelier geschehen die ersten unerwarteten Aktionen:
Lea wirft ein Messer durch ein Brötchen. KLIRR.
Kristina stapelt Löffel und Tassen zu einem instabilen Turm. KLIRR.
Amelie knetet konzentriert Salzteig.
Milena hinterlässt einen Kaffeefleck nach dem anderen.
Es ist kein Chaos – es ist ein Anfang. Und vielleicht auch das Zentrum unseres künstlerischen Ansatzes.
So oder so ähnlich trafen wir uns – vier Masterstudentinnen der Kunstpädagogik – an jedem Sonntag im Januar 2024. Zwischen Hausarbeiten, Nebenjobs und dem ganz normalen Stress des Studiums hatten wir Frust und Bock. Wir hatten Bock, wieder Lust auf Kunst zu haben und Frust, weil die Zeit uns davon zu hetzen schien. Unsere künstlerische Praxis blieb im durchorganisierten Alltag auf der Strecke. Die Umkehrung der Frustration mit der Frage: „How do we enjoy?“ – „Wie kann Kunst machen Spaß machen oder sich gut anfühlen?“ war auch immer wieder Thema im Plenum Kollaborativ Praxis. Das haben wir ausgehend vom Begriff „Pleasure“ zum Konzept gemacht.
Kurz von den Open Studios war er dann da: der Bock, uns nicht länger nur zu organisieren, sondern zu improvisieren und dabei unsere Lust an der Kunst wieder zu finden. Nicht das Ergebnis zu fokussieren, sondern unser Tun. Neue Impulse zu sammeln und vor allem gemeinsam Zeit miteinander zu verbringen. Kunst machen als lustvoll zu empfinden und nicht als weiteren Punkt auf unserer To-Do Liste.
Wir nannten uns die Pleasure-AG, weil das, was uns fehlte, einen Namen brauchte: Pleasure in der Kunstpädagogik. Kein leeres Konzept, sondern ein echtes Bedürfnis. Der Leistungsdruck des Studiums hatte uns von der eigenen künstlerischen Praxis entfremdet. Also beschlossen wir: Pleasure muss wieder Raum bekommen. Zeit auch. Beides findet man selten im Terminkalender – aber vielleicht an einem Sonntagvormittag mit Kaffee und Frühstücksbrötchen im Atelier. Mit netten Gesprächen, Freundschaften, gemeinsamem Entdecken, Ausprobieren und Lachen.
Kollektive Praxis zwischen Frühstück und Scores
Unsere Treffen begannen mit einem Brunch. Immer. Nicht als nettes Beiwerk, sondern als bewusster Teil unserer künstlerischen Haltung. Das gemeinsame Essen, das langsame Ankommen, das Teilen von Zeit und Kaffee öffnete den Raum für etwas, das im Studienalltag oft zu kurz kommt: Resonanz.
Im Anschluss brachte jede etwas mit – ein Fragment der eigenen künstlerischen Praxis: einen Score, ein Objekt, eine Idee, ein Material. Nicht als fertiges Werk, sondern als Einladung. Was wir mitbrachten, gaben wir aus der Hand. Der Score wurde miteinander geteilt – zur Verfügung gestellt, nicht erklärt und nicht verteidigt.
In dieser kollektiven Offenheit begann die eigene Praxis, sich zu verändern. Indem andere mit dem eigenen künstlerischen Ansatz arbeiteten, diesen interpretierten und neu kombinierten, erschien sie der Mitbringenden in einem neuen Licht – und dadurch wieder interessant. Man konnte sich zurückziehen, beobachten und neu Lust bekommen, mitzumachen.
Gleichzeitig bedeutete das gemeinsame Arbeiten mit Scores auch: Entlastung. Wer einen Score erhielt, musste nichts Neues erfinden, keinen leeren Raum füllen. Die Kopfarbeit teilte sich durch vier. Es gab klare Impulse, eine Richtung oder ein Material. Das eröffnete Raum für ungezwungenes Ausprobieren, für Loslassen und – vor allem – für ein spielerisches Experimentieren.




Aus unseren gemeinsamen Erkundungen entstand ein Zine namens „Bock haben“, das praktische Anleitungen bietet, um das Lustvolle im Banalen wahrzunehmen und weiterzudenken. Es enthält Scores und Ideen, die zum Experimentieren einladen. Die Scores sind keine starren Spielregeln, die es um jeden Preis einzuhalten gilt, sondern vielmehr eine Einladung, Lust auf neue Spiele mit neuen Spielregeln zu entwickeln.
Unser Zine, wird doppelseitig auf A3-Papier ausgedruckt. Durch eine spezielle Falttechnik und einen Einschnitt in der Mitte entsteht eine achtseitige Broschur, die beidseitig gelesen werden kann. Durch diese Art und Weise lässt das Zine sich einfach und kostengünstig vervielfältigen. Ihr findet das Zine als PDF zum Selbstausdrucken unter Impulse.
Aktivierung im öffentlichen Raum: Open Studios 2024
Im Rahmen der Open Studios 2024 öffneten wir unseren Prozess für andere. Im Atelier des Plenums Kollaborative Praxis[1] von Luisa Ungar Ronderos– stellten wir einen Drucker auf, legten unser Zine mit den Scores aus, mischten spontan einen Eimer Kleister an – und los ging’s.
Doch kaum hatten wir die Rahmenbedingungen geschaffen, begannen die Besucher*innen, die Spielregeln der Scores zu unterlaufen. Statt nur den „Score // Umwelt archivieren“ zu befolgen, kopierten sie Körperteile, schufen eigene Collagen, kleisterten wild und gemeinsam. Der Drucker wurde zum Kollektivinstrument. Zeichnungen ergänzten die Drucke.
Darüber hinaus luden wir die Besucher*innen ein, zu bestimmte Zeiten an unserer Praxis teilzunehmen. Es wurde Salzteig bereitgestellt mit dem Gegenstände im Ausstellungsraum abgeformt wurden. Die Salzteigfossilien wanderten durch viele Hände und ein gemeinsames Frühstück lud ein, ins Gespräch zu kommen.
Kollektive Praxis: Wenn PLEASURE zur Grundlage künstlerischer Arbeit wird
Was war nun also die Hauptbeschäftigung und was die Nebenbeschäftigung? War es das Kaffeetrinken oder das Kneten mit Salzteig? Die künstlerische Praxis oder der Wunsch nach sozialen Kontakten und Freundschaften? Genau hier wird der Kern unserer kollektiven Praxis deutlich: Wir haben entschieden, dass Pleasure die Grundlage unserer künstlerischen Arbeit sein sollte. Wenn Kaffee trinken mit Freundinnen an einem Sonntag zur künstlerischen Haltung wird, ist es beides: Zentrum und Nebensache zu gleich; beides ist künstlerische Praxis.
„Bock haben“ heißt für uns, wieder anzufangen – aber diesmal nicht allein, sondern kollektiv. Mit Kaffeeflecken, mit Salzteig, mit dem Pleasure an der gemeinsam erlebten Praxis. Es geht nicht darum, ein fertiges Ergebnis zu erzielen oder einem bestimmten Plan zu folgen, sondern vielmehr darum, sich im Prozess zu verlieren, neue Impulse zu spüren und das Miteinander als kreativen Nährboden zu nutzen. Hier war der Moment des Ausprobierens, des Spiels und des Teilens von Ideen das, was zählte – und nicht das, was am Ende dabei herauskommt. Es ging darum, die Lust am Spielen und Ausprobieren zu fördern, die Freude am Unfertigen und Unvorhersehbaren. Dieser Raum wird nicht nur durch das individuelle Schaffen, sondern vor allem durch das gemeinsame Arbeiten und Teilen von Ideen, Materialien und Erfahrungen lebendig. Es ist ein Ort des Austauschs, des gegenseitigen Lernens und der gemeinsamen Entfaltung.
Unsere künstlerische Praxis ist ein Experiment, das im Dialog zwischen uns entsteht und ständig neu verhandelt wird. Wir nehmen uns den Raum, in dem wir Pleasure als etwas definieren, das im Tun, im Prozess und in der Zusammenarbeit entsteht.
Die Pleasure-AG ist somit nicht nur ein Kollektiv, sondern eine Haltung: eine Einladung, die Kunstpädagogik mit der gleichen Lust und Leichtigkeit zu denken, mit der wir in unserem Kollektiv arbeiten. Eine Einladung, gemeinsam zu forschen, zu spielen und zu entdecken – und dabei die Freude am Lernen und Kreieren in den Mittelpunkt zu stellen.
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: Scan. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 2: Scan. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 3: Scan. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 4: Scan. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 5: Scan. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 6: Erste Überlegungen. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 7: Es war einmal im Salzteigland. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 8: Gesamtansicht Open Studios 2024. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 9: Workshop „Salzteig-Fossilien” Open Studios 2024. © Gesa Krause, 2024.
Abb. 10: Detailansicht Salzteig-Fossilien Open Studios 2024. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 11: Open Studios 2024. Im Hintergrund: „Atlas“ von Joel Heidelberg. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 12: Open Studios 2024. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 13: Open Studios 2024. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 14: Open Studios 2024. © Pleasure AG, 2024.
Abb. 15: Open Studios 2024. © Pleasure AG, 2024.
Endnoten
Die Pleasure-Kollaboration hat sich in Auseinandersetzung mit dem kollaborativen Anspruch des Plenums an der HBK Braunschweig der Künstlerin Luisa Ungar Ronderos gegründet. Dieses Plenum versteht die Künstlerin als einen Raum, „in dem wir unsere Arbeitsweise, unsere Fragen, was uns interessiert, die Frustrationen und auch was uns blockiert bei der künstlerischen Suche teilen können. Es ist ein Raum für Austausch, Diskussionen und Kritik. All dies ist Teil des kreativen Prozesses. Es geht nicht darum, fertige Werke oder nur Produkte zu teilen.“ (Weekly Mail von Luisa Ungar vom 22.11.2023)
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