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05.02.26 – Anna Becker
Zeit und Vertrauen. Einblick in ein Unterrichtsgeschehen zur Werkstattaufgabe „Bewegung“

Zeit und Vertrauen. Einblick in ein Unterrichtsgeschehen zur Werkstattaufgabe „Bewegung“

Hier wird der Kunstunterricht in einem jahrgangsübergreifenden Grundkurs der gymnasialen Oberstufe an einer Gesamtschule beschrieben, in dem gerade eine Werkstattaufgabe zum Thema Bewegung von den Schülerinnen und Schülern bearbeitet wird. Im Rahmen des Semesterthemas „Darstellung von Bewegung“ sollen sie eine künstlerische Arbeit erstellen. Der Begriff Bewegung umfasst im Rahmen dieser Aufgabenstellung sowohl äußere Bewegungen aller Art als auch innere Bewegungen, die durch Gefühle ausgelöst werden.

Der Begriff Werkstatt benennt eigentlich „einen Arbeitsraum eines Handwerkers, mit den für seine Arbeit vorhandenen Geräten“ (Duden 1989, S. 1732). Nicht selten wird in ihr etwas Neues hergestellt. Werken bedeutet handwerklich und körperlich zu arbeiten, praktisch tätig zu sein, zu schaffen (vgl. ebd.). Im Kerncurriculum für die gymnasiale Oberstufe im Land Niedersachen wird der Begriff Werkstatt geöffnet und als ein Unterrichtsprinzip definiert, das dazu dient, in der Schule „das Wesen künstlerischer Tätigkeit in Produktion und Rezeption“ (Nds. Kultusministerium, S. 10) zu vermitteln. Spezifische Lerninhalte sollen hierbei von den Schülerinnen und Schülern in Aushandlung mit der Lehrperson gewählt werden und anschließend eigenständig, in Begleitung durch die Lehrperson, erarbeitet werden (vgl. ebd.). Die Kunstpädagogin Helga Kämpf-Jansen definiert den zum ästhetischen Lernen geeigneten Ort ebenfalls als eine Werkstatt: „Räume müssen zu Werkstätten werden können mit allen denkbaren Materialien, Werkzeugen, Maschinen und Medien. Auch Bilder- und Objekt-Sammlungen sowie Bücher zur Information gehören dazu.“ (Kämpf-Jansen, 2001, S. 244)

Zurückgeblickt auf die unterrichtliche Praxis des Kurses habe ich im November 2025 die folgende Situation notiert:

Heute ist eine Zwischenpräsentation der ersten Ideen für die aktuelle Werkstattaufgabe vorgesehen. Ein Schüler schlägt vor, die Zeit lieber für das künstlerisch-praktische Weiterarbeiten an der Aufgabenstellung zu nutzen. Ich gehe darauf ein und führe die Zwischenpräsentation in Einzelgesprächen durch, während der Kurs künstlerisch-praktisch weiterarbeitet. Die vorliegende Aufgabenstellung ist zwar schon seit 11 Tagen bekannt, die Bearbeitungszeit während des Unterrichts liegt bisher jedoch nur bei ca. 45 Minuten. Ich gehe von Gruppentisch zu Gruppentisch, von Person zu Person und lasse mir die bisherigen Entwürfe zeigen. Darunter sind Zeichnungen, viele tolle Skizzenbögen und Einzelskizzen, kleine Objekte aus Draht sowie ein Reader, in dem das Thema Bewegung zeichnerisch, malerisch und theoriebasiert untersucht wird. Die bisherigen künstlerisch-praktischen Arbeitsergebnisse zeigen eine Vielfalt an künstlerischen Methoden sowie eine Vielfalt der inhaltlichen Annäherung an das Thema Bewegung auf. Zwischen mir und jedem Schüler und jeder Schülerin findet ein kurzes Gespräch über die Entwürfe statt. Mit Bedacht schildere ich meine Assoziationen zur jeweiligen Vorgehensweise sowie zur inhaltlichen Ebene der künstlerisch-praktischen Arbeit. Ich finde solche Gespräche herausfordernd, da ich den Schülerinnen und Schülern Perspektiven eröffnen, sie aber nicht dazu auffordern möchte, meine Ideen umzusetzen. Ich bin sehr beeindruckt, wie intensiv sie sich auf die Aufgabenstellung eingelassen haben und wie weitführend die ersten Ideen schon ausgearbeitet wurden. Ist meine Begeisterung berechtigt oder lasse ich mich durch das offene Unterrichtsprinzip der Werkstattaufgabe zu schnell von den künstlerisch-praktischen Aufgaben der Schülerinnen und Schüler begeistern?

Einige Tage sind vergangen. Erneut steht die Weiterarbeit an der Ideensammlung für die Werkstattaufgabe auf dem Programm. Zuerst findet die Materialausgabe statt und der Eingang zum Materialraum ist deshalb stark frequentiert. Die Schülerinnen und Schüler suchen sich die Materialien für die Umsetzung ihrer Ideen für die Werkstattaufgabe zusammen. Ein bisschen erinnert das emsige Hin und Her zwischen Materialraum und Kunstraum an einen Bienenschwarm. Von mir als Lehrerin ist dabei beratende Tätigkeit gefragt. Ich halte mich dafür im Materialraum auf oder ich gehe von Tisch zu Tisch. Ein Schüler möchte seinen Tornado, den er zum Thema Bewegung aus Holz und Watte gebaut hat, noch grau ansprühen. Eine Schülerin möchte nach draußen gehen, es scheint heute die Sonne und sie will fallendes Herbstlaub mit der Handykamera filmen. Sie wird für die Aufnahme jemanden die Bäume und Büsche schütteln lassen. Es fühlt sich in dem Moment an, als sei eine Vertrauensbasis zwischen mir und den Schülerinnen und Schülern entstanden. Die Werkstattaufgabe inklusive einer schriftlichen Reflexion wird in diesem Halbjahr als Prüfungsleistung gewertet und die Klausur ersetzen – laut schulrechtlichem Erlass ist das auch offiziell so möglich. Kaum hat die Stunde begonnen, scheint sie schon wieder zu Ende zu sein. 45 Minuten sind eine kurze Zeitspanne, um kreativ zu werden. Doch wie sich herausstellt, ist es auch in kurzen Zeitabschnitten möglich, sich in die Umsetzung einer künstlerischen Aufgabe zu vertiefen. Wichtig scheint es dabei zu sein, das zu erreichende Ergebnis innerhalb der 45 Minuten nicht festzulegen, sondern in größeren Zeitabschnitten zu agieren. Dieser Kurs verfügt insgesamt über drei Schulstunden in der Woche. Sie sind in eine Doppel- und in eine Einzelstunde gegliedert. Sowohl die Einzelstunde als auch die Doppelstunde werden derzeit für die Bearbeitung der Werkstattaufgabe genutzt. Terminiert ist das Datum der endgültigen Abgaben, sowie die Daten, zu denen ein Zwischenstand ausgetauscht oder abgegeben werden soll. Der Umgang mit zwei Dingen scheint mir in diesen beiden Stunden wichtig gewesen zu sein: zum einen geht es um den Umgang mit Zeit: Das Unterrichtsprinzip ist offen und die Schülerinnen und Schüler takten sich und ihre Arbeit im Rahmen der schulischen Stundenvorgaben und nach Absprache auch über die Unterrichtszeiten hinaus weitgehend selbst. Denn „ästhetisches Lernen bedarf angemessener Zeiten. Und alles hat seine individuelle Zeit“ (Kämpf-Jansen, 2001, S. 244). Zum anderen geht es um das Verhältnis zwischen der Lehrperson und den Lernenden. Für diese Phase der Ideenfindung in diesem Kurs würde ich es als aufmerksam und vertrauensvoll beschreiben.

Literatur

Dudenredaktion. (Hrsg.)(1989). Duden. Deutsches Universalwörterbuch.
Kämpf-Jansen, H. (2001): Ästhetische Forschung, Salon Verlag.
Niedersächsisches Kultusministerium. (2016): Kerncurriculum für die gymnasiale Oberstufe für das Fach Kunst.

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