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Zwischenräume
01.02.26 – Katharina Steinmetz
Zwischenräume

Zwischenräume

Ich bin unterwegs. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet. Normalerweise schenke ich ihm kaum Beachtung. Jetzt aber suche ich nach Zwischenräumen auf dem Boden.

Ich bin unterwegs. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet. Normalerweise schenke ich ihm kaum Beachtung. Jetzt aber suche ich nach Zwischenräumen auf dem Boden. In der Philosophie gibt es die Auffassung, dass der Zwischenraum ein leerer, intermedialer Raum ist oder ein Riss innerhalb eines Körpers oder eine eingeschobene Zone, die mit dem kontrastiert, was mit Körpern ausgefüllt ist.
Mein Weg beginnt in der Gaußschule. Ich verlasse den Kunstsaal und gehe über die alten Bodenplatten der Gründerzeit. An vielen Stellen gibt es Risse – Spuren, die die Schritte unzähliger Schulklassen hinterlassen haben. Stellen, an denen die Bausubstanz aufgelöst ist und sich Geschlossenes öffnet.
Weiter geht es durch das Magniviertel mit seinem Kopfsteinpflaster. Zwischen den holprigen Steinen aus Basalt klaffen so breite und tiefe Fugen, dass sogar Pflanzen es schwer haben, hier Fuß zu fassen. Passanten fragen mich, ob ich etwas verloren habe. Ich denke darüber nach, ob ich diese Zwischenräume nicht besser als Lücken begreifen soll, also leere Stellen, an denen etwas fehlt.
Zwischen Magniviertel und Lessingplatz gibt es streckenlang DIN-Norm-Gehwegplatten, die flächig verlegt sind und so gut wie gar keine Zwischenräume bilden. Ich finde zwei Vogelfedern und stecke sie in die engen Fugen. Das ist schwer, aber sieht schön aus.
Mein Ziel ist der Braunschweiger Kunstverein. In die Bodenpflasterung am Eingang sind massige Schienenbögen eingelassen, über die sich das herrschaftliche Tor öffnen und schließen lässt. Die Vegetation auf dem Vorplatz ist üppig, zwischen allen Fugen und Ritzen sind winzige urbane Lebensräume entstanden, ehemals lästiges Unkraut, neuerdings schützenswertes Gut.
In dem Projekt Kunstunterricht im Zwischenraum von Schule und Kunstverein geht es um unterschiedliche Institutionen mit einem leeren intermedialen Raum dazwischen, eine eingeschobene Zone zwischen zwei Körpern. Wenn beide Körper Risse bekommen, porös werden, ihre Geschlossenheit aufgeben, kann dazwischen ein gemeinsamer Raum entstehen, der nicht leer ist, sondern frei.

 

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