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Spuren auf weißen Socken
Ich habe mich dazu entschlossen, eine Geschichte meines Elternhauses vorzulesen, während die Zuhören den die Augen geschlossen halten1. Beim Vorbereiten ist mir aufgefallen, dass ich nicht alle Räume betrete: Manche nenne ich explizit nicht, andere verschwinden vollständig aus der Erzählung. So entstehen bewusste Lücken, Leerstellen, in denen sich Vorstellung und Wahrnehmung mischen. Ich leite die erzählte Geschichte und bestimme, welche Informationen die Zuhörer*innen erhalten und arbeite damit ähnlich wie Kartograf*innen, die eine Wirklichkeit nur ausschnittweise sichtbar machen. Ich zeichne eine Karte, die gleichzeitig offenbleibt, gefüllt mit meiner subjektiven Wahrnehmung, auf die sie vertrauen müssen. Es gibt keine zweite Quelle, keine Kontrolle; die Realität bleibt fragmentarisch.
Das Seminarprojekt hat für mich Räume sichtbar gemacht, deren Türen ich gerne verschlossen gelassen hätte. Es hat mir gezeigt, wie ich mich orientiere und wie ich als Kartografin tätig bin: Was lasse ich aus? Wie dokumentiere ich? Mir wurden Lücken und Auslassungen bewusst, die es näher zu erforschen gilt. Mit welchen Räumen habe ich begonnen, welche kamen zuletzt, und welche wurden gar nicht erst erwähnt? Was beschreibe ich und worauf richtet sich meine Wahrnehmung? Durch die Art, wie ich kartiert habe, habe ich weniger über meine Umgebung als über mich selbst erfahren.
Während des Schreibens fiel mir auf, wie stark ich auf mein Fußgefühl achte: Wie warm der Boden ist, wie er sich anfühlt, wo Teppiche liegen. Daraus entstand die Idee eines Walks durch die HBK auf weißen Socken. Der Schmerz beim Walk ging durch den ganzen Körper. Einige Teilnehmer*innen beschrieben das Gefühl, als würde man nachts aus dem Bett aufstehen. Glatte Oberflächen wurden zunehmend wertgeschätzt, Strukturen und Texturen spürbar, und die Augen richteten sich automatisch nach unten. Fundstücke wie Federn oder Steine wurden anschließend ins Seminar mitgebracht. Auch Temperaturunterschiede waren unmittelbar fühlbar: Bei kalten Flächen entstand das Gefühl, der ganze Körper werde gekühlt. Zurück im Seminarraum wirkten alle müde und erschöpft; die Füße waren stark beansprucht.
Erst beim Ausziehen der Socken wurde bewusst, was die ganze Zeit unter ihnen war. Erst durch den Kontrast des Anderen wurde spürbar, welchem Schmerz man sich die ganze Zeit ausgesetzt hatte, was während des Walks deutlich weniger spürbar war, da man sich daran gewöhnt hatte. Erst im Moment der Sicherheit zeigte sich, wie intensiv die Empfindung war. Das Bewusstsein entstand durch den Kontrast des Anderen.
[1] Das Seminarprojekt entstand im Rahmen des Seminars „Stadtteilnahme zwischen Wahrnehmung, Fiktion und Aktivismus“ bei Prof. Dr. Christine Heil und Jennifer Baus im Sommersemester 2025.
Abbildungsverzeichnis:
Vorschaubild: Projektfoto, Seminarprojekt, HBK Braunschweig, 04.07.2025, zu sehen sind die dreckigen Socken in einer Nahaufnahme nach Ende der Projektdurchführung, 2025, Durchführung von Paula Bast, © Foto: Joana Corell
Abb. 1: Projektfoto, Seminarprojekt, HBK Braunschweig, 04.07.2025, zu sehen ist die leicht dreckige Socke einer am Seminar teilgenommenen Person, 2025, Durchführung von Paula Bast, © Foto: Joana Corell
Abb. 2: Projektfoto, Seminarprojekt, HBK Braunschweig, 04.07.2025, zu sehen sind die leicht dreckigen Socken einiger am Seminar teilgenommenen Personen, 2025, Durchführung von Paula Bast, © Foto: Joana Corell
Abb. 3: Projektfoto, Seminarprojekt, HBK Braunschweig, 04.07.2025, zu sehen sind die dreckigen Socken nach Ende der Projektdurchführung, 2025, Durchführung von Paula Bast, © Foto: Joana Corell