Projekt
Von einer, die auszog, das Fokussieren zu lernen: Mit Neuntklässler*innen im Kunstverein
Hilfe! Kunstlernen und -lehren erfordert viel Freiheit, aber wie verliert man sich dabei als angehende Lehrkraft weder im Chaos, noch im Micro-Management?
Folgende Situation: Vor einem Jahr bin ich mit 12 Neuntklässler*innen einer Gesamtschule im Kunstverein Braunschweig und führe eine anderthalbstündige Einheit über die neue Ausstellung „Mirage“ durch. Die Ausstellung ist im schlimmsten Sinne zeitgemäß: schlicht und monochrom stapeln sich die hölzernen und metallenen, teils auf Licht basierenden Exponate in einen wenig offensiven Dialog mit den weißen Räumen des Kunstvereins. Alles okay, aber mit einer neunten Klasse hatte ich Sorge. Würden die Schüler*innen einen Zugang zu dieser Zurückhaltung finden? Wie könnte ich einen Bezug herstellen? Zu allem Überfluss kannte ich die Gruppe nicht, hatte sie nur einmal kurz gesehen. Mein Konzept musste allgemein anwendbar sein, auweia.
Ich wollte also über die Wahrnehmung gehen. Die Schüler*innen sollten beschreiben, wie ihnen die Dinge auf basalster Ebene vorkommen. Das ist doch niedrigschwellig. „Sucht euch einen Gegenstand und betitelt ihn mittels eines Adjektivs“, lautete also meine erste Aufgabe. Die Vase im kleinen hinteren Raum erscheint zum Beispiel weiß. Den Kanister einer Installation könnte man glatt nennen. Das Holzteil einer weiteren Installation wirkt alt. Nur ein einzelnes Wort zu wählen, sollte die Reflexion vertiefen: Warum dieses eine Wort, warum nicht ein anderes? Und welchen Gegenstand wähle ich?
In der zweiten Aufgabe sollten die Schüler*innen das Adjektiv in sein Gegenteil kehren und den so entstandenen Begriff als selbstgebastelte Kreation zum Leben erwecken. Aus der weißen Vase musste also eine bunte Vase werden. Der Kanister war nun nicht länger glatt, sondern rau und das alte Holzstück wurde zu einem neuen Holzstück. Die von Kleingruppen gebastelten „Gegenteil-Kopien“ wurden dann in der Ausstellung neben den Originalen platziert. Als Vorlage zog ich die bildhauerischen Werke Erwin Wurms heran, der mit Arbeiten wie „Fat Car“ (2000/2001) und „Narrow House“ (2010) über die Verfremdung unauffälliger Eigenschaften den Blick für das Alltägliche zu schärfen wusste. Diesen Moment der Irritation wollte ich in die Ausstellung holen.
Um das Thema der Wahrnehmung mittels Vergleich noch zu vertiefen und die entstandenen Arbeiten zu sichern, teilte ich zum Abschluss Arbeitsblätter aus, mit denen die Werke der anderen in diversen Kriterien „bewertet“ werden konnten. Wie gut passen die gewählten Adjektive? Was sind drei Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Original und „Gegenteil-Kopie“? Zu spät merkte ich, dass dieser Schritt wirklich ein Griff ins Klo war. Das Ausfüllen empfanden alle eher als müßig; es war ein Abarbeiten und kein kreatives Auseinandersetzen.
Für diese Kritik spricht auch, dass die Schüler*innen das freie Arbeiten an den eigenen Objekten am meisten zu begeistern schien. Sie suchten sich Orte im Kunstverein, an denen sie werkeln konnten, machten sich Gedanken zur Gestaltung, stellten Einigung innerhalb der Gruppe her. Die enger gehaltenen Aufgaben überforderten sie hingegen eher; vielleicht, weil sich ihnen der Sinn, die von mir erdachte Dramaturgie nicht erschloss.
Schon die erste Aufgabe wurde missverstanden und es kam häufig vor, dass nicht nur ein, sondern ganz viele Adjektive für die Beschreibung eines Objekts genutzt wurden. Und ob das Notieren dreier Gegenteile zwischen Original und Selbstgebasteltem zum tiefergehenden Dialog führte, bleibt auch zweifelhaft. Bis zuletzt war nebulös, was ich von der Lerngruppe wollte, wenngleich meine lückenlose Vorbereitung alle über diese Tatsache hinwegtäuschte – vor allem mich.

Abb. 1: Von Schüler*innen bearbeitetes und von der Autorin erstelltes Arbeitsblatt, 2025. © Patricia Martsch

Abb. 2: Eine „Gegenteil-Kopie“ von Schüler*innen aus Pappe und Klebeband neben Wisrah C. V. Da R. Celestino: Peso, 2024, Installation aus wassergefüllten Kanistern, Ausstellung „Mirage“ im Kunstverein Braunschweig, 07.12.2024 – 23.02.2025. © Patricia Martsch
Und hier kommen wir zu meinem Hauptproblem, für das sich die durchgeführte Einheit als exemplarisch erweist: Um im kreativen Chaos die in der Lehrkraftausbildung hochgelobten Lernziele zu erreichen, schnürt die überforderte Anfängerin in mir ihre Aufgaben lieber in kleine, luftdichte Päckchen, die von den Schüler*innen der Reihe nach geöffnet werden dürfen. Das ist nicht verbindend, das ist nicht kompetenzenfördernd. Und es ist für die Lerngruppe nicht verständlich, wenn ihr immer nur ein kleiner Teil des Weges offenbart wird. Aber in erster Linie ist es für mich selbst die größte Hilfe.
Dass ich mit meiner Aufgabenpedanterie nicht weit komme, wusste ich schon damals. Kurz nach der Einheit im Kunstverein, reflektierte ich meine Unzufriedenheit so: Mein Fokus (das Lernziel) war Wahrnehmung durch Vergleich. Die konkrete Aufgabe, bei der die Schüler*innen ein beschreibendes Adjektiv und das entsprechende Gegenteil wählen sollten, verfehlte in ihrer Loslösung vom übergeordneten Kontext jedoch den gewünschten Effekt. Denn kleinschrittige, isolierte Aufgaben überfordern die Lerngruppe bei gleichzeitigen, hintergründig sehr komplexen Kompetenzanforderungen nur. Sie können ihr Potenzial nicht entfalten, merken, dass da noch so viel mehr möglich wäre, dürfen es aber nicht. Im Kontrast dazu bräuchte es offene Verknüpfungen und Anbindungen, ein Netz diverser Aufgaben und Angebote, in dem sich alle entfalten, künstlerische Kompetenzen erworben werden können.

Abb. 3

Abb. 4
Um in diesem Netz zugleich den Fokus zu bewahren und sich nun nicht in einem Hindernislauf aus zigtausend Ansätzen und Möglichkeiten zu verirren schlage ich Folgendes vor: Man geht von einer ersten, konkreten Aufgabe aus und fächert diese in die Tiefe auf, erforscht also mit der Lerngruppe zusammen, welche Potenziale diese Aufgabe für das Lernziel hat, worin ihre Komplexität besteht. So hätte ich mit den Schüler*innen beispielsweise ergründen können, ob und wie die Zuweisung von Adjektiven unsere Sensibilität für die Ausstellung schult, was da noch drin steckt! Die Aufgabe nicht nur als Steigbügelhalter für ein ganz anderes Ziel nutzen, sondern als Essenz! Mit dem Ziel als Fokus könnten sich daraus gemeinsame Ideen für weitere Aufgaben oder Experimente ergeben. Idealerweise würde dieser Prozess zugespitzt im „Lernziel“ münden.
Soweit meine Reflektion von vor einem Jahr. Also riet mein Vergangenheits-Ich mir, Raum für Experimente, vielleicht für Chaos, zu lassen und darin trotzdem den Überblick zu behalten. Aber das ist doch viel leichter gesagt als getan! Schließlich zeigt mir kein Fortschrittsbalken an, mit welchem Tempo die Gruppe auf das Lernziel zusteuert, kein Bimmeln ertönt, sobald sie es erreicht hat. Warum ist da so wenig Trennschärfe? Schule sollte doch eindeutig sein. Oder nicht? Mein Problem ist, dass trotzdem alles so ungewiss ist. Ich will ja Offenheit aber insgeheim will ich noch viel lieber ganz genau wissen, woran ich bin, was passiert, was genau Sache ist, ich will doch so gerne micro-managen!
Aus heutiger Perspektive, ein Jahr später, mittlerweile im Master und im Besitz weiterführenden Wissens zum Thema Unterrichtsqualität, möchte ich meiner gegenwärtigen Angst und meinem zukünftigen Ich gut zureden: Patricia. Du musst den Schüler*innen, und zahlreichen weiteren Faktoren, die den Lehr-Lern-Prozess bedingen, ab einem bestimmten Punkt Vertrauen schenken. Vor allem musst du Unterricht als Angebot verstehen, dessen Nutzung seitens der Lernenden von Parametern abhängt, die teilweise außerhalb deiner Handlungsmacht liegen und die du auch nicht mit eng gefassten Aufgabenpaketen unter Kontrolle bringst. Ob die Lernenden das Angebot nutzen, hängt nämlich unter anderem von ihren Vorkenntnissen, ihrer Motivation, Ausdauer und Fähigkeit zur Reflexion ab; Faktoren, die durch ganz viele Kontexte (zum Beispiel die Familie) beeinflusst sind.
Daraus resultiert für dich, dass dein Angebot stark auf die Fähigkeiten der Lerngruppe angepasst sein muss, damit sie es nutzen kann. Mit angepasstem Lernangebot und Vertrauen in die Gruppe kannst du dann auch Offenheit zulassen und musst nicht jeder Moment davon abhängig machen, ob deine Vorstellung eins zu eins Realität wird. Denn was im Dialog zurückkommt, liegt für den Moment außerhalb deiner Macht und ist mit wachsender Pedanterie sowieso nicht beeinflussbar. Und wenn es wirklich radikal scheitert, passt du es für das nächste Mal an.
Letztlich haben dir deine Pläne bis jetzt trotzdem Sicherheit gegeben, auch im Kunstverein und im Angesicht dieser dir unbekannten Gruppe. Und das war erstmal dein Ziel, dich in dieser unwegsamen Situation zu behaupten. Und es ist mir ja auch gelungen.
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: Von Schüler*innen bearbeitetes und von der Autorin erstelltes Arbeitsblatt, 2025. © Patricia Martsch.
Abb. 2: Eine „Gegenteil-Kopie“ von Schüler*innen aus Pappe und Klebeband neben Wisrah C. V. Da R. Celestino: Peso, 2024, Installation aus wassergefüllten Kanistern, Ausstellung „Mirage“ im Kunstverein Braunschweig, 07.12.2024–23.02.2025. © Patricia Martsch.
Abb. 3: Patricia Martsch: Modell „Gröberzielen durch Reduktion“, 2025, digitale Grafik. © Patricia Martsch.