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Leerstandsaktivismus
01.02.26 – Jennifer Baus
Collagen radikaler Proteste

Collagen radikaler Proteste

Als Stadtforscherin und gelernte Architektin nutze ich mein Fahrrad als bevorzugtes Fortbewegungsmittel im urbanen Raum. Nicht selten enden diese Fahrten mit einer neuen Entdeckung: einem Leerstand-Fund. Während dieser Beobachtung stelle ich mir immer wieder die gleichen Fragen:


Warum stehen Gebäude leer? Wer profitiert davon? Wie können wir inmitten einer Wohnungskrise in Deutschland Leerstand hinnehmen und zusehen, wie Gebäude vor unseren Augen verfallen? 1


Ausstellungen schaffen Räume, die den Leerstand im Stadtraum sichtbar machen. Diese Sichtbarkeit ist besonders wichtig, um sich das Ausmaß des Problems bewusst zu werden, um über das Thema aufzuklären, um Leerstand zu politisieren und ihn aufzudecken. Denn jeder Leerstand könnte in der Theorie ein Kunst- und Kulturort sein oder zum Wohnen umgenutzt werden. Ungenutzter Raum ist nicht für jeden sichtbar, mancher fällt auch nur einem geschulten Auge auf, denn jeder bewegt sich anders durch den Stadtraum. Ob geschäftig, wach oder verträumt, einen Leerstand kennen wir alle in unserer Stadt und vielleicht fragt sich jemand anders auch: Warum steht dieses Gebäude eigentlich leer?

In Zeiten von Klimanotstand ist Leerstand die größtmögliche Ressource, bestehenden gebauten Raum zu nutzen. Wenn wir Gebäude vernachlässigen oder abreißen, dann ignorieren wir auch die Zeit, die geleistete Arbeit, Geschichten und kollektive Erinnerungen, die in diese bestehenden Strukturen geflossen sind 2.

Jedes Jahr spüren wir, mehr denn je die katastrophalen Auswirkungen des Klimanostandes: Starkregen, Extremhitze, Trockenheit und ansteigende Meeresspiegel, sind nur einige Symptome, die wir immer stärker wahrnehmen. Die Wissenschaft warnt regelmäßig vor den weitreichenden Folgen, bleibt aber seitens Politik ungehört. Nur wenige Städte und Kommunen schaffen es in kleinem Maßstab Klimaanpassungsmaßnahmen zu tätigen, aber wir brauchen große Gesten. Wir, die junge Bevölkerung, sind wütend darüber, dass nichts passiert. Wir gehen zu hunderttausend auf die Straße, wir sind laut, weil uns die Gefahren der Klimakrise bewusst sind. Weil wir wissen, dass es keinen Spielraum gibt, keine Zeit des Nichthandelns.
Wo können wir in solchen Zeiten Zuflucht finden, unsere eigenen Proteste formen und unserem Frust Raum geben?

Meine Hilflosigkeit transformiere ich in Collagen, sie sind schwerelos. Mit ihnen ist alles möglich, denn es gibt keinen Maßstab. Collagen schaffen die Flucht aus der Realität in eine utopische Welt. In der Architektur bedeutet dies, dass wir die Grenzen des Planen und Bauens aufbrechen können, um radikale Momente zu schaffen und sie zu erproben.


Was bedeutet es, wenn wir zum Beispiel einen Neubaustopp in Deutschland, nach dem ‘Moratorium on New Construction’3 von Charlotte Malterre-Barth vornehmen würden?
Wie viel ungenutzten Raum, könnten wir aktivieren/umverteilen/umnutzen?
Wie viele Wohnungen könnten wir auf diese Weise generieren?


In diesem konkreten Beispiel schaffen wir eine Grundlage, die weitergedacht werden kann, die Systeme außer Kraft setzt und unseren Denkraum erweitert. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass in Notsituationen, auch radikale Entscheidungen seitens Politik getroffen werden können, aber erst dann, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Wann also schaffen wir den Sprung ins kalte Wasser und wagen das Unmögliche, um nicht erst die Katastrophe abzuwarten?

Wenn eine Collage inspiriert, irritiert oder Gefühle auslöst, überschreitet sie ihre eigene Form und wird zum Protest, der weitergetragen werden kann.

Mein Arbeitsmodus zum Collagieren

Für meine Collagen verwende ich ausschließlich Material aus dem Internet und füge die unterschiedlichen Motive digital zusammen.

Ob analog oder digital, Bilder aus Zeitungen, Zeitschriften oder dem Internet sind unendlich. Es braucht eine Idee, die eine klare Message transportieren möchte. In meinem Fall gehört zu jeder Collage ein Text, um das Geschriebene mit einem Bild zu visualisieren. Das hilft, die Absurditäten zu verstehen und Tatsachen auf die Spitze zu nehmen.

Zu sehen sind Hochhäuser, eine große Sonne, Baukräne und Menschen am Stran im Vordergrund.

 

 

1 Statistisches Bundesamt, Zensus: 4,3 % aller Wohnungen stehen leer, 2022. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zensus2022-Pressemitteilungen/PM_zenus20 22_46.html (zuletzt aufgerufen: 12.01.2025).

2 Abrissmoratorium: Ein offener Brief an Klara Geywitz, 2023. https://www.bda-bund.de/2022/09/abrissmoratorium/ (zuletzt aufgerufen: 12.01.2025).

3 Malterre-Barthes, Charlotte. 2025. A Moratorium on New Constructions. Steinberg Press.

Abbildungsverzeichnis

 

Abb. 1: Collage ‚Überhitzte Städte‘ © Jennifer Baus, 2024.

Abb. 2: Collage ‚Wie wenig ist genug?‘ © Jennifer Baus, 2024.

Abb. 3: Collage ‚Einführung eines Neubaus‘ © Jennifer Baus, 2024.

Abb. 4: Collage ‚Der Traum vom Eigenheim‘ © Jennifer Baus, 2024.

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