Für einen Augenblick geschlossene Türen mitten in der Öffnungszeit, dafür eine Klangskulptur, die den Lärm der mehrspurigen Straße vor dem Kunstverein für einen Moment vergessen lässt: Was werden die Besucher*innen gedacht haben, die dort freundlicherweise einen Moment auf den Eintritt gewartet haben? In der Rotunde der Villa Salve Hospes in Braunschweig, einem Entrée mit gewichtigem Ornament und mehreren Ebenen, ertönen Stimmen. Von der Aufregung der Woche und des Tages (es ist kurz nach zwölf an einem Freitag) entsteht zunächst etwas atonal vielstimmig, dann mit geschlossenen Augen und immer stärker konzentriert wahrnehmbar eine Klangskulptur aus 22 Stimmen einer 10. Klasse sowie Studierenden. Die gemeinsame Erkundung des architektonischen Raums prägt maßgeblich Idee und Durchführung der Exkursion.
Nach diesem Auftakt wirkt ein Moment des Schweigens, der an solch einem vielschichtigen Ort die nötige Ruhe einkehren lässt, um sich auf die Töne, die in diesem einzigartigen Haus stets wahrzunehmen sind, fokussieren zu können und bereit zu sein, zunächst in einer Viertelstunde selbständig das in den besonderen Räumen Ausgestellte wahrzunehmen. Sodann werden ausgewählte Exponate, die den größten Eindruck hinterlassen haben, exemplarisch besprochen (in diesem Fall Modelle für den Braunschweiger Lichtparcours 2024).
Vielen aus der Lerngruppe, die sich in diesem Halbjahr intensiv mit Architektur auseinandergesetzt hat, fällt die dominante Spezifik des Gebäudes auf: Anders als in bereits bekannten Ausstellungssituationen (zum Beispiel einem Museum mit ständiger Ausstellung oder in White Cube-Konzepten) wird schnell klar, dass die Räume der Villa Salve Hospes starke Vorgaben setzen, auf die die Künstler*innen im produktiven Sinne reagieren (z. B. bei „Hotel Dodo“ von Luís Lázaro Matos).

Abb. 2: Installationsansicht, Ausstellung Lichtparcours 2024, Kunstverein Braunschweig, 01.–11.06.2023, zu sehen ist die Arbeit „One’s Sunset is Another One’s Sunrise“, 2023, Jacquelin Hen. Foto: Friederike Fellner.
Der klassizistische Raumplan der Villa Salve Hospes steuert beim Besuch dieser 10. Klasse im Braunschweiger Kunstverein die Wege stark an zentralen Achsen orientiert. Ein Rundgang ergibt sich von Raum zu Raum. Besondere Raumeindrücke auch des Obergeschosses werden unter lautem Knarzen der Dielen wahrgenommen, ebenso wie sich Ausblicke in das Außen auf Bekanntes aus einem anderen Blickwinkel ergeben (u. a. Garten, Straße, Volleyballfeld des Freizeitbades nebenan). Angesichts so mancher Wandvorsprünge, außergewöhnlicher Ecken, Nischen, Fugen und Ritzen entstehen Irritationen auch dadurch, aufmerksam auszuloten, ob man in diesen Raum, auf diese Empore, hinter diesen Vorhang oder Wanddurchbruch eintreten darf oder ob es sich doch eher um Interna des Kunstvereins handelt. Inspiriert durch künstlerische Arbeiten von VALIE EXPORT (Körperkonfigurationen wie „Einordnung“ aus den Jahren 1976 und 1982) wird in Teams noch fokussierter Körperkontakt mit der speziellen Räumlichkeit aufgenommen und Gewohntes hinterfragt. Davon anders verortet formulieren die Lernenden zum Abschluss dieser Exkursion Erkenntnisse und Ideen, die sich auch auf ihre gewohnte Umgebung übertragen lassen, beispielsweise auf wie vielen verschiedenen Wegen (konkret und im übertragenen Sinn) sich Kunst betrachten lässt; wie sehr bestimmte Räumlichkeiten die Wahrnehmung stark beeinflussen und dadurch jede*r andere Bezüge zum Raum und zur Architektur herstellen kann. Verändert und beruhigt von diesem Genius loci treten wir wieder nach draußen in den Lärm der Zeit.
Gedanken von Schüler*innen nach dem Ausstellungsbesuch:
• Räume verändern die gesamte Wahrnehmung.
• Dass Räume auch auf Menschen angepasst werden können.
• Man kann Kunst auf verschiedenen Wegen betrachten.
Ein Seminar, eine Lehrkräftefortbildung und ein Kunstverein
Im Rahmen des kollaborativen Seminar- und Fortbildungsprojekts arbeiten Lehrkräfte und Schüler*innen verschiedener Schulen, Studierende und Lehrende der Kunstpädagogik der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) sowie Akteur*innen des Kunstvereins Braunschweig zusammen und erschließen neue Räume. Dabei stellt sich die Frage „Wie arbeiten wir zusammen?“ jeweils neu. Wie können Erwartungen, Haltungen, Interessen und Rollen, die sich aus unterschiedlichen institutionellen Perspektiven ergeben, in Beziehung gesetzt und ausgehandelt werden?
Ein gemeinsamer Auftaktworkshop im Garten des Kunstvereins, bei dem sich Studierende und Lehrer*innen kennenlernen und ins Gespräch über Bezugsräume und Fragen künstlerischen und pädagogischen Handelns kommen, bilden den Beginn der intensiven phasenübergreifenden Zusammenarbeit im Verlauf eines Semesters und Schulhalbjahres. Das Ziel der Zusammenarbeit besteht darin, eine experimentelle Unterrichts- oder Vermittlungssituation mit Schüler*innen, Lehrkräften und Studierenden im oder in Bezug auf den Kunstverein zu schaffen. Grundlegend für die Zusammenarbeit innerhalb dieser Rahmung ist das Herstellen von Augenhöhe. Dabei ist nicht vorgegeben, wie gelernt und was thematisiert werden soll.
Vielmehr bedeutet es, Formen der Beteiligung zu erfinden, die mit den jeweiligen Alltagsrealitäten vereinbar sind, um gemeinsam Themen, Gegenstände und Praktiken (z. B. gemeinsames Schreiben) auf mehreren Ebenen abzugleichen und prozesshaft zu entwickeln. Der Ortswechsel bildet ein zentrales Moment. Was bietet der Kunstverein – als Institution, architektonischer Raum und Ausstellungsort zeitgenössischer künstlerischer Positionen – für Impulse, Stimmungen und Anknüpfungspunkte für die Entwicklung von Unterricht? Wie entsteht gemeinsam Neugierde?
Das begleitende Kunstdidaktik-Seminar greift theoretische und didaktische Ansätze forschenden Lernens auf. Aus der Beratungsperspektive der Dozentinnen geht es darum, einen Raum herzustellen, in dem die bereits angelegten Gedanken und entstehenden Ideen ernst genommen werden, das Wissen der Beteiligten einbezogen wird und zugleich bei der Ideenentwicklung anzuregen, die Vorstellungen von Unterrichtsplanung nicht zu eng zu fassen: Wie wird es zu einem gemeinsamen Experiment, in dem auch die Schüler*innen mitbeteiligt sind und sie gefragt bzw. aufgefordert werden ihre Hinsichten zu formulieren oder zu symbolisieren?
Für die Studierenden, die an der Kunsthochschule eine eigene künstlerische Praxis verfolgen, ist es noch nicht das Referendariat und auch kein Praktikum. Ausgehend von den geteilten Erfahrungsräumen entwickelte sich unter den Lehrenden ein Austausch über das gemeinsame Schreiben eines vielstimmigen Textes zu den entstehenden Zwischenräumen.
Wer bildet wen?
Der Kunstverein wird durch den Besuch der Schüler*innen zum außerschulischen Lernort und ist zugleich ein Ort der aktuellen Kunst und des körperlichen Erlebens. Das beginnt bereits auf dem Weg von der Schule zum Kunstverein und schafft eine besondere Atmosphäre. Zudem ergeben sich vielfältige Rollen- und Perspektivwechsel.
Für Schüler*innen gleicht der Besuch einer deutlichen Abwechslung im schulischen Alltag. Sie verhalten sie sich neugierig und offen den vermittelnden Studierenden gegenüber, die sie als verantwortliche Personen neben der regulären Lehrkraft anerkennen.
Die Studierenden erforschen den schulischen Alltag, indem sie kunstpädagogische Interventionen in Absprache mit den Lehrer*innen durchführen. Die Vor- und Nachbereitung, zu der die Studierenden in die Schulen kommen, ermöglichen ihnen Beziehungsaufbau zu den Schüler*innen. Dadurch entsteht eine intensivere und vertrautere Interaktion und die Berücksichtigung der aktuellen Bedürfnisse und Interessen der Lerngruppe. Die Lehrkraft erhält die Möglichkeit, die Gruppe aus einer neuen Position zu beobachten und differenzierter kennenzulernen.
Die Lehrkräfte reflektieren den Prozess des eigenen Handelns im schulischen und außerschulischen Unterricht – was sonst im durchgetakteten Lehrer*innenalltag kaum geschieht. Lehrer*innen denken hier weniger linear und erhalten positive Anregung. Die abschließenden Gespräche zeigen die Breite des Handlungsraums als Lehrkraft auf und stärken so die positive Wahrnehmung des eigenen Berufes.
Durch den Wechsel der Perspektiven und die dialogische Zusammenarbeit können Lehrkräfte, Studierende und Lehrende der Hochschule gemeinsam neue didaktische Impulse setzen. Dadurch entsteht eine besondere Konstellation eines eher prozesshaft geprägten Zwischenraums, in dem auch die Lernenden mitgestalten. Vernetzte Beziehungen und gegenseitige Wertschätzung erfordern hier erhöhte Risikobereitschaft von allen Beteiligten. Die künstlerische Arbeit ist dabei der Dreh- und Angelpunkt für das Lernen im Zwischenraum zwischen den beteiligten Personen und Institutionen. Dabei ist es sinnvoll, die Begegnung mit der künstlerischen Arbeit im außerschulischen Raum nicht nur als einmalige Aktion zu gestalten, sondern als eine Sequenz, die Vor- und Nachbereitung einbezieht und für die Schüler*innen zu einer größeren Struktur des Lernens wird.
Vom Zwischenraum zu Schnittstellen
Eine Kooperation zwischen Schule, Kunsthochschule und Kunstverein klingt verlockend und interessant. Wie reagieren die Schüler*innen auf die Studierenden? Welche neuen Impulse bringt die Zusammenarbeit und der Ort Kunstverein in den Unterricht ein? Die Erprobung der Kooperation gelang mit dem Unterrichtsthema „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch im 12. Jahrgang. Der Kunstverein Braunschweig bot mit seinem Garten einen thematisch passenden Ort für malerische, filmische, fotografische und digitale Auseinandersetzungen.
Die Schnittstellen der beteiligten Gruppen zeigen schnell Übereinstimmung in der gemeinsamen Sprache, aber auch Zwischenräume, die neu definiert werden müssen. Zwei Studierende entwickeln mit den Schüler*innen in Vorbereitung der Exkursion die Leitfrage: „Welche Themen würde Hieronymus Bosch in der heutigen Zeit bearbeiten?“
In der künstlerischen Auseinandersetzung in Gruppen werden die Themen Gleichberechtigung von Minderheiten, Umweltverschmutzung, Drogenmissbrauch, Krieg und Religion aufgegriffen und Parallelen zu Boschs „Garten der Lüste“ entdeckt. Gegensatzpaare wie Himmel-Hölle, Damals-Heute und der Mensch im Zwischenraum sind Grundlage für die Themenfindung. Auch im Dialog mit den Studierenden ergeben sich habituelle Zwischenräume: die Erwartungshaltung der Studierenden an die Schüler*innen und der Versuch, ihre künstlerischen Ansätze in diese Richtung zu lenken; auf der anderen Seite die Reaktion der fast erwachsenen Schüler*innen, die eigene Ideen verfolgen wollen und diese auch realisiert haben. „Die Studierenden haben manchmal zu lange und ausführlich noch Dinge in unsere Arbeit hineininterpretiert und ausgeführt, die wir so nicht gemeint hatten.“ Und es gab echte Anerkennung: „Die Studierenden haben alles gut vorbereitet, geplant und sogar dazwischen noch Fotoabzüge organisiert. Das haben wir so nicht erwartet.“ (Zitate Schüler*innen, 18 Jahre).
In einer abschließenden Reflexionsphase werden die Vorteile der Zusammenarbeit als Erweiterung der bisherigen Lehr- und Lernmöglichkeiten deutlich. Der Lernort Kunstverein bietet allen Beteiligten neue Anreize und Erfahrungen, die in der Schule so nicht möglich sind. Ein gegenseitiges Aushandeln des Umgangs, der Erwartungen und der Ansprache miteinander musste stattfinden, um aus den Zwischenräumen Schnittstellen entstehen zu lassen. Diese sollen ein Ineinandergreifen und eine Verzahnung der Bedürfnisse abbilden und die „Leerstellen dazwischen“ füllen.

Abb. 3: Unterricht im Garten des Kunstvereins, Foto: Gitta Noll, 2023.
Einladung zum Rollenwechsel
Lernen ist immer etwas Gegenseitiges. Für alle Beteiligten ist der Kunstverein ein dritter Ort – jede*r verlässt die eigene Institution und sucht einen neuen Ort auf. Die eigene Wahrnehmung, das Fachwissen, Erwartungen und Erfahrungen geraten in Bewegung und in Resonanz. In den Zwischenräumen arbeiten bedeutet, dass die Strukturen und Formen der Zusammenarbeit nicht etabliert sind und es noch keine Routinen gibt. Die Perspektiven zu einem relationalen Zwischenraum zu verknüpfen und die Möglichkeit des Experimentierens benötigen einen gemeinsamen Rahmen. Das Aushandeln der Zusammenarbeit verändert die Perspektiven und beinhaltet zugleich eine Bewusstwerdung der jeweiligen Bedingungen, in denen Unterricht passiert, individuelles Lernen möglich wird und Kunst entsteht. Ein Vertrauensverhältnis ist Voraussetzung für eine Zusammenarbeit.
Die Schüler*innen werden eingeladen, mit aktueller Kunst in eine handelnde Begegnung zu kommen. Aktuelle Kunst im Kunstverein bewegt sich häufig an den Rändern des Konsensuellen und entwirft künstlerische Praktiken und Ästhetiken, die auf gesellschaftspolitische Diskurse und Fragestellungen der Gegenwart antworten. Das knüpft auf überraschende Weise an den Alltag und die Kommunikationsweisen der Schüler*innen an und befremdet zugleich die Erwartungen an das, was Kunst ist.
Der entstehende gemeinsame Raum bietet die Chance, Zugänge zur Kunst und ihren Inhalten zu entwickeln, die nicht sogleich ein Verstehen voraussetzen, sondern ästhetisches Handeln und eine eigensinnige Praxis der Reflexion ermöglichen. Die forschende Haltung der Studierenden findet ihre Resonanz in der Bereitschaft der Lehrenden an Schule und Hochschule zur Rollenverschiebung und in der Aufmerksamkeit für den kollegialen Reflexionsraum. Diese Offenheiten sind Grundlage für das Experimentieren der Schüler*innen. Wichtig ist, dass es Zeit für Kontaktaufnahme und Aushandlungsprozesse gibt und die Studierenden vorab die Lerngruppen in den Schulen besuchen. Atmosphären und Gruppendynamik sind wichtig, um einen Kontakt mit Schüler*innen herstellen zu können und zu erahnen, was u. U. noch alles im Unterricht unausgesprochen mitschwingt. Das Ausloten der professionellen Rolle bedeutet in dieser Konstellation auch, als Lehrende Raum zu geben, Raum zu lassen und in eine beobachtende Rolle zu gehen. Das Wechseln ist kein Verlust – durch den Perspektivwechsel ist eine gemeinsame Gestaltung und dadurch eine Mitgestaltung jedes Einzelnen am Entstehenden möglich.
Zuerst erschienen in: BDK-Mitteilungen 3.2024.
Becker, Anna; Fellner, Friederike; Heil, Christine; Manthei, Lea Maria; Mercadal, Lucie; Noll, Gitta & Steinmetz, Katharina. Zwischenräume. Die Reflexion einer kollaborativen Zusammenarbeit von Schule, Kunstverein und Kunsthochschule. In: BDK-Mitteilungen 3.2024. S. 24–29.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 (Vorschaubild): Installationsansicht, Ausstellung Lichtparcours 2024, Kunstverein Braunschweig, 01.–11.06.2023, zu sehen ist die Arbeit „One’s Sunset is Another One’s Sunrise“, 2023, Jacquelin Hen. Foto: Friederike Fellner, 2023.
Abb. 2: Installationsansicht, Ausstellung Lichtparcours 2024, Kunstverein Braunschweig, 01.–11.06.2023, zu sehen ist die Arbeit „One’s Sunset is Another One’s Sunrise“, 2023, Jacquelin Hen. Foto: Friederike Fellner, 2023.
Abb. 3: Unterricht im Garten des Kunstvereins, Foto: Gitta Noll, 2023.