Projekt
Dreifachkontur. Einblick in ein performatives Vermittlungsexperiment im Rahmen von Bärbel Langes Ausstellung „Doppellinien“
Das eröffnende Tor ist bereits von der anderen Straßenseite am Lessingplatz gegenüber vom Kunstverein zu sehen (Abb. 1): Die über drei Meter hohe Skulptur Fisch-Tor birgt ein Wesen mit Nachwuchs im lnneren, platziert bei der Pforte zum Garten links der repräsentativen Treppen, die zum Portal der Villa Salve Hospes hinaufführen. Dort ist der Treffpunkt des Kunstkurses aus einem 12. Jahrgang, um sich im Zuge der Kooperation Zwischenräume, begeleitet von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste, mit Doppellinien der Künstlerin Bärbel Lange im Kunstverein Braunschweig auseinanderzusetzen. Mit dem Blick auf den Titel der Ausstellung und die Skulptur des Tier-Tors steht sogleich eine zentrale Frage im Raum:
Was sind Doppellinien?
„Die Doppellinie bedeutet das Innenleben. Die Seele. Dass die auch gewärmt sind. Außen ist das Fell. Dickes Fell. Dass das auch schützt.“ [1]
Eine Linie kam, von A nach B (oder umgekehrt) führen; es ist allerdings „nicht wahr, dass die kürzeste Linie immer die gerade ist.“[2] Eine Linie kann verbinden, umschließen, durch sie kann aus einem Strich ein Gebilde, vielleicht ein Haus werden, zumindest auf dem Papier. Man kann Umrisse wahrnehmen. Etwas kam, Kontur annehmen. Durch Linien kann ein- und ausgegrenzt werden. Klare, aber nicht zu einfache Linien sind gefragt!
Ich aber ertappe mich bei gedanklichen Umwegen, um mich nun endlich auf das vor meinen Augen Liegende als Beobachtende einzulassen.
Was ist ein performatives Vermittlungsexperiment?[3]
Jetzt, im Inneren der Villa Hospes, bekommt der Kurs von den Studierenden den Auftrag, für je einen der Räume der Ausstellung zu zweit oder zu dritt eine fiktive Führungstour zu entwickeln, indem die Rolle von Expert*innen eingenommen wird. Diese sollen spezifische (mitunter ausgedachte) Begriffe benutzen, in bestimmter Art und Weise auftreten und uns als Gruppe eine halbe Stunde später durch die Ausstellung führen:
Der Teppich ist ausgerollt, ein für Bärbel Langes Arbeiten typischer Malervlies, mit wilden Tieren darauf (Abb. 2), wird zum Anlass für eine Reise in die Savanne, in den Dschungel, in das Reich der Fantasie, das uns für einen Augenblick ganz nah kommt.
Sodann werden Ideen über eine ideale Gesellschaft vorgetragen, über Menschen im Einklang mit sich und der Natur, die sich die Fähigkeit bewahrt haben, wie ein Kind in grafischen Spuren einen Zugang zu einer Welt zu finden, die frei von Vergleich oder gar Abwertung ist, die den Sinn für das behält, was im Leben miteinander wichtig ist.
Zum Beispiel ein Neben- und Beieinandersein eines Mobiles mit Geschöpfen von Bärbel Lange, über zwei Etagen in der Rotunde installiert, dem repräsentativen Eingangsbereich der Villa Salve Hospes, alles eine Frage der Balance (Abb. 4 u. 5). Der nächste Akteur hebt hervor, dass im Mittelpunkt die ausgestellte Kunst steht, vom Ornament und Golddekor des Gebäudes flankiert, ziemlich alt und ernst all die Schnörkel hier, das locker Gezeichnete hingegen wirke befreiend, abstrahiertere Formen führen uns wie ein roter Faden, ein Kontrastreich, Doppellinien eben.
Wir stehen noch staunend mitten in der Rotunde, da geht die Doppeltür Richtung Garten auf und wir schwenken unseren Blick ins Helle: Referiert wird über den theatralen Zusammenhang von Spieler*innen und Puppen auch in anderen Kulturen unter Berücksichtigung der Wahrnehmung des Fremden im Besonderen. Die Beleuchtung wird dabei an- und ausgeschaltet, über Vor- und Nachteile von Sonne und künstlichem Licht berichtet und auch über Schattenseiten philosophiert.
Auftritt von Frau Prof. Fröhlich und Frau Prof. Sauer, im fiktiven Dialog agierend: Sie sprechen über Form- und Farbwirkung von Räumen (es gibt einen kleinen ganz in Blau), streiten über Geschichte(n), ob es sich nun um Porzellan aus dem 3. Jahrhundert vor Christus handelt oder nicht, ob eine Giraffe oder Schlange zu sehen ist (Abb. 3), angesichts einer Malerei von Firat Tagal, dessen Arbeiten einer Tradition des Kunstvereins folgend die Gastgeberin Bärbel Lange in die Ausstellung aufgenommen hat). Wir distanzieren uns vom Streitgespräch und sind mitten im eigenständigen Kosmos der Doppellinien und Dreifachkonturen angekommen.
Das performative Experiment abschließend, widmet sich die Gruppe nach individuellem Free Writing im Austausch vor allem einer Frage:
Was ist ein Experte[4]?
Die ersten Antworten der Lernenden: Expert*innen müssen über ein Fachgebiet sehr viel wissen. Sie müssen nicht nur viel theoretisch wissen, sondern auch eine Menge eigene Erfahrung besitzen. Ein Experte kann manchmal besserwisserisch bis arrogant wirken. Eine Gesellschaft setzt viel Vertrauen in Expert*innen, diese müssen ihrer Verantwortung gerecht werden. Ein Experte muss selbstbewusst auftreten und auch die Vermittlung seines Wissens im Blick haben. Aus der Erfahrung der Doppellinien lautet im Weiteren ein Statement eines Schülers: Wir haben uns heute im Kunstverein durch sehr unterschiedliche, ehrwürdige Räume bewegt, durch die gleiche Kunst verbunden, in je eigener Atmosphäre gestaltet. Auf jeden Fall, so ein weiteres Fazit eines Lernenden zum Experiment, wird ein großer Interpretationsfreiraum spielerisch deutlich, der je eigene Weg ermöglicht eine eigenständige Ansicht und verschiedene Zugänge.
Manche der Schüler*innen hätten sich vor Ort noch einen Experten gewünscht, der ihnen mehr Fakten und Informationen über Bärbel Lange liefert. Die Recherche ergibt, dass die Künstlerin seit 2014 in der Ateliergemeinschaft des Kunsthauses KAT18 verortet und Mitglied bei X-SÜD in Köln ist. Sie beteiligt sich an der Planung und Umsetzung von inklusiven Projekten wie dem Kunsthaus Kalk, zusammen mit dem Kollektiv raumlaborberlin, mit dem sie auch in Braunschweig kooperiert.[5] Nach der Exkursion sprechen wir in der Schule über das Für und Wider, als Zugang zu dieser Ausstellung (nicht) zuerst Hintergrundinformationen zu sich zu nehmen.
Erst wenn wir nicht mehr vorab betonen müssen, dass eine inklusive Linie[6] selbstverständlich sein sollte, agieren wir wertschätzend und mit klarem Blick sowohl für uns selbst als auch für andere. Mehrfachkonturen entfalten ihr Spiel, ein Mobile von Innenleben und Außenwahrnehmung.
Uns ist in Doppellinien eine Haltung, eine Erfahrung und eine Überzeugungskraft begegnet, die einen unmittelbaren Dialog ermöglicht. So geöffnete Konturen lassen lernende zu ausgewiesenen Expert*innen ihrer eigenen Lernprozesse werden, was bei dieser Ausstellung insbesondere dank der Studierenden, der Kooperation zwischen der HBK und Akteur*innen in Schulen, verbunden über den Kunstverein Braunschweig, fantastisch funktioniert hat.





Zuerst erschienen in: BDK Niedersachsen Rundschreiben 2024, S. 48–49.
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: Ausstellungsansicht Doppellinien (16.03.–02.06.2024), Kunstverein Braunschweig, Fisch-Tor, Bärbel Lange © Friederike Fellner, 2024.
Abb. 2: Ausstellungsansicht Doppellinien (16.03.–02.06.2024), Kunstverein Braunschweig, Bärbel Lange © Friederike Fellner, 2024.
Abb. 3: Ausstellungsansicht Doppellinien (16.03.–02.06.2024), Kunstverein Braunschweig, Bärbel Lange, Firat Tagal © Friederike Fellner, 2024.
Abb. 4: Ausstellungsansicht Doppellinien (16.03.–02.06.2024), Kunstverein Braunschweig, SCHUTZTIERE Mobile, Bärbel Lange & raumlaborberlin © Friederike Fellner, 2024.
Abb. 5: Ausstellungsansicht Doppellinien (16.03.–02.06.2024), Kunstverein Braunschweig, Braunschweig, SCHUTZTIERE Mobile, Bärbel Lange & raumlaborberlin © Friederike Fellner, 2024.
Endnoten
Zitiert nach: https://kunstvereinbraunschweig.de/exhibitions/b%C3%A4rbellange/ zuletzt abgerufen am 02.10.2024.
↩︎Nach Gotthold Ephraim Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts, § 91, 1780.
↩︎Das hier beschriebene performative Vermittlungsexperiment ist entwickelt worden von den Studierenden Franziskus Steinmetz und Joseph Reddemann, basierend auf der Methode „Rehearsed Spontaneity“ von Luisa Ungar, Verwalterin der Professur kollaborative Praxis, IPKB, HBK Braunschweig.
↩︎Experte wird hier im Sinne eines Archilexems verwendet.
↩︎https://kunstvereinbraunschweig.de/exhibitions/b%C3%A4rbellange/; weitere Informationen z.B. unter:
↩︎
https://www.kunsthauskat18.de/ateliers/
https://www.kunsthauskat18.de/projekte/x-sued-stadtvisionen/;
https://raumlabor.net/kunsthaus-kalk/, alle zuletzt abgerufen am 02.10.2024Zur Problematisierung des Begriffes der sogenannte Outsider Art: https://www.sammlung-prinzhorn.de/museum/outsider-art, zuletzt eingesehen am 13.06.2024.
↩︎