Projekt
Team Erde und Team Ei
Ich habe im Juni 2025 mit der 11. Klasse des Mariano-Josephinum Gymnasiums Hildesheim – mit 15 Schüler*innen – ein künstlerisches Projekt am Kunstverein Braunschweig umgesetzt. Die Schüler*innen haben sich mit dem Außengelände des Kunstvereins auseinandergesetzt und Eitemperafarbe mit Erde hergestellt.
Rohe Eier aufzuschlagen oder Löcher im Garten von teuren Kunstinstitutionen zu graben sind nicht übliche Tätigkeiten, die man im Kunstunterricht situieren würde. Ich wollte, abgesehen vom Wissen über Farbherstellung, auch vermitteln, dass man nicht immer ein fertiges, makelloses Produkt braucht, um seine Kunst wertschätzen zu dürfen. Ich wollte betonen, dass wir uns in einem Prozess befinden, und dass es hier mehr um das Material als um ein Produkt geht.
Damit das Selbstbewusstsein der Schüler*innen gestärkt werden kann und um ein Bewusstsein für den Prozess, für das Unfertige, zu schärfen, habe ich erklärt, dass der Künstler Andreas Eriksson (*1975) seine eigenen Erdpigmente an Kremer Pigmente schickt, damit sie dort in den Farb-Walzen zu wirklich feiner, sämiger Farbe verarbeitet werden. Ein Luxus (Zeitaufwand, Zugang zu Walzen, etc.), den ich nicht bereitstellen kann – unsere Herstellungsbedingungen waren limitiert. Beschränkt auf ein aussortiertes Küchensieb, diverse Gartengegenstände, und einen Gewürzmörser.
Die Zeit, die der Klasse zur Verfügung stand, war in verschiedene Phasen geteilt. In der Einführungsphase ging es darum, an dem Ort anzukommen und einen Zugang zu ihm zu erhalten. Ein Schüler saß 15 Minuten auf einem Baum. Ich habe mich darüber sehr gefreut, denn es hat mir gezeigt, dass die Schüler*innen kreativ und mutig in ihren Orts-Annäherungen sind, und dass sie experimentierfreudig sind, und – ebenso wie ich – für ihre eigenen Interessen einstehen.
Die zweite Arbeitsphase war das Herstellen der Farbe. Die Klasse wurde in zwei Teams eingeteilt- Team Erde und Team Ei. Team Ei war für das Herstellen des Bindemittels zuständig, welches aus Ei, Wasser und Leinöl hergestellt wurde. Sie waren auch dafür verantwortlich, dass genug für alle hergestellt wurde. Team Erde durfte Löcher auf dem Gelände graben, um möglichst viele unterschiedliche Erdfarben zu finden. Das hat hervorragend funktioniert, es gab alle Farbein von Rot über Cremefarben zu Braun bis hin zu fast Schwarz. Team Erde hat also das Pigment befördert, gemörsert und gesiebt. Ein bisschen unüberschaubar haben dann Mitglieder aus beiden Teams Farbe hergestellt, indem sie das Pigment mit dem Temperabindemittel vermischt haben.
In weiteren Arbeitsphasen gab es die Möglichkeiten, an einem gemeinschaftlichen Werk teilzuhaben (eine große Leinwand mit einer architektonischen Bleistiftvorzeichnung des Kunstvereins) oder ein eigenes Bild auf einer kleinen Leinwand zu erstellen.
Als letzte Phase gab es eine kleine Reflexionsrunde, in der die Schüler*innen wider Erwarten und im Kontrast zu ihrer Beteiligung davor sehr zurückhaltend waren.
Im kunstpädagogischen Plenum haben wir versucht, uns dem zu nähern – ein Sprechritual zu haben, macht Sinn in der Schule. Es ist festzustellen, dass das Sprechen in der Schule ritualisiert ist. Mir hat ein Unterrichtsbesuch und die Projektumsetzung nicht ausgereicht, um mir die Rituale der Kunstlehrerin abzugucken. Mir ist nur aufgefallen, dass meine Fragen an die Schüler*innen möglichst kurz und offen formuliert waren, während Olga Sonderhoffs Fragen im Vergleich länger, umfassender und fachspezifische Sprache nutzend waren. Ich stelle daran keinen Wertunterschied fest. Möglicherweise war es auch schwer, meine offenen Fragen zu beantworten, weil sich die Schüler*innen unsicher waren, ob ich mir bereits eine bestimmte Antwort überlegt habe, die ich von ihnen hören will.
Andere mögliche Schwierigkeiten, oder Stufen die es den Schüler*innen vermutlich erschwert hat, eine abschließende Reflexion mit mir zu führen, waren das Wechseln und Auf-Sich-Einlassen verschiedener Phasen: Das Genießen von Erde zulassen; sich darauf einlassen, über Sinnerfahrung zu sprechen (noch dazu mit einer fremden Person); von einem Arbeiten im Kollektiv wieder zum Individuum werden.
Sprache war hier das Medium der Verständigung mit den anderen, aber vielleicht gibt es andere Formen? Es ist naheliegend, das Sprechen als Werkzeug zu benutzen, aber es gibt unterschiedliche Zugänge wie man Dinge mitteilt und vergegenwärtigt. Welche Formen von Sprache gibt es?
Wann kann ich eine Wahrnehmung einordnen oder benennen?
Ich war mir nach dem Projekt sicher, dass es erfolgreich war. Ich hatte das Gefühl, dass es wertvoll für die Schüler*innen war, und dass sie nicht nur ihre kleine Leinwand mit nach Hause genommen haben, sondern auch eine neue Begeisterung oder eine erweiterte Perspektive für Kunst. Ein „Beweis“ für dieses Gefühl von mir ist der Artikel von einem Schüler, der auf der Schulhomepage veröffentlicht wurde. Und die Worte und Fotos, die die Kunstlehrerin für mich hatte.

Die Schüler*innen, und vor allem Team Erde, waren so begeistert, dass sie teilweise gar nicht aufhören wollten. Woran könnte das gelegen haben? Warum waren die Schüler*innen so begeistert? Warum sind Sinnes-Wahrnehmungen toll? Warum sind sie so wichtig? Mögliche Impulse/ Eindrücke/ Ideen:
- Auf ungewöhnliche Weise sehen („von unten“); neue Perspektive
- Schüler*innen das Gefühl geben, sie machen etwas – und es kann eine Wahrnehmungsverschiebung stattfinden. Wahrnehmung als Grundvoraussetzung, etwas lernen zu können.
- Kindheitsgefühle wieder aufleben lassen – Schatzsuche in der Villa: ein guter Kontrast zu einem ernsten, vornehmen Ort
- Riechen, Fühlen, auch Ekel – das sinnliche „macht etwas mit einem“. Sinneserleben und Achtsamkeit: die 8 Sinne werden dafür genutzt, um im Hier und Jetzt zu sein.
- sich wie ein wertvolles Individuum fühlen – eine Art des Unterrichts, in dem ich den Anforderungen/Erwartungen tatsächlich auch einbringen kann
- Teilhabe: Gesehen werden, als Individuum ein Teil vom Prozess sein. Und: „Kindern schmeckt das Essen besser, wenn sie das Essen mit zubereitet haben“ – und die Entscheidung mittragen, wie es wird.
- Es konnte sich eine eigene Dynamik entwickeln: Ich entdecke da etwas und folge dem und das tun mehrere gleichzeitig: und das als größeres Kollektiv weiter machen und durchziehen.
- In einer Gruppe schaukelt sich ein Prozess hoch –spiegeln von Verhalten, die Begeisterung war ansteckend
Aus diesem Sammeln von Ideen entstand die Frage, ob diese Art des Kunstunterrichts vielleicht für die Jungs besonders angenehm war, weil nicht fein/ genau/ geduldig gearbeitet wurde. Hat der Unterricht individuelle Sozialisation gechallenged? (Oder in Klischees gedacht: Frauen backen Kuchen und schlagen rohe Eier auf, Männer graben den Garten um?) Wir reproduzieren in unserer Diskussion Stereotypen / Wir denken gerade sehr binär. Der Garten war ein neutraler Ort – nicht der Kunstraum, der die Geschlechter-Typisierten Verhaltensweisen unter Umständen bestätigt. Der Kunstraum ist bereits gegendert? War der Garten ein neutraler Ort? Oder einfach ein „anderer“ Ort? Eine andere Institution, deren Regeln man nicht kennt und sich deswegen nicht an sie halten muss, oder die noch nicht so festgefahren sind. Die noch nicht „fossilisiert“ sind.
Ich wollte in dem, was ich den Schüler*innen zeige, mich wohlfühlen und recht frei sein. Frei, wie ich erkläre, und frei, wie ich unterstütze zwischen den einzelnen Arbeitsphasen. Ich lerne und lehre am besten, wenn ich mich nicht einschränken lasse, und es ist mir wichtig zu vermitteln, dass mehr Dinge im Kunstunterricht erlaubt sind, als Schüler*innen vielleicht gewöhnt sind. Marina Garcés bestätigt, „Die eigene Autonomie setzt die Freiheit des anderen voraus“ (2022, S. 98). Und ich wollte mich wegbewegen von Erwartungen an Disziplin, Sauberkeit und Ordentlichkeit, die ich bei Lehrkräften in meiner Schulzeit und Schulpraktika beobachtet hatte. Diese Erwartungen neu zu überdenken und zu sehen, dass sie flexibel und transformierbar sind, ermöglicht „eine Zunahme an Freiheit, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein“ (Beck 2017., S. 40).
Ich habe es geschafft, Zeit für die Schüler*innen und für mich sinnvoll zu gestalten. Alle beteiligten Personen durften und konnten Dinge entdecken und Neues Lernen. Ich habe mich während dem Vermitteln frei und wohl gefühlt, und konnte dieses Gefühl, ebenso wie meine Begeisterung für das Thema und Material, erfolgreich auf die Schüler*innen übertragen. Indem ich zeige, was für Möglichkeiten im Kunst-Schaffen (bzw. im Kunstunterricht) existieren, hoffe ich, die Schüler*innen in ihrem Selbstwertgefühl sowie ihrer Autonomie zu stärken. Und eigentlich müssten solche Projekte wiederholt werden: „Die Geste muss viele Male gezeigt werden, da die Routinen der Verschließung hartnäckig sind“ (Garcés 2022, S. 89).
Ein Schüler hat nach dem Projekt einen Text über das Projekt geschrieben, welcher auf der Schulwebsite veröffentlicht wurde
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Abbildungsverzeichnis:
Vorschaubild: Projektfoto, Projektarbeit, Kunstverein Braunschweig, 02.06.2025, zu sehen sind Farbproben, 2025, Durchführung von Thea Schüle. © Foto: Olga Sonderhoff
Abb. 1: Projektfoto, Projektarbeit, Kunstverein Braunschweig, 02.06.2025, zu sehen sind Schüler*innen mit Farbproben, 2025, Durchführung von Thea Schüle. © Foto: Olga Sonderhoff
Abb. 2: Projektfoto, Projektarbeit, Kunstverein Braunschweig, 02.06.2025, zu sehen sind Schüler*innen die Erdproben entnehmen, 2025, Durchführung von Thea Schüle. © Foto: Olga Sonderhoff
Abb. 3: Projektfoto, Projektarbeit, Kunstverein Braunschweig, 02.06.2025, zu sehen ist ein Schüler beim Kennenlernen des Ortes, 2025, Durchführung von Thea Schüle. © Foto: Olga Sonderhoff
Abb. 4: Projektfoto, Projektarbeit, Kunstverein Braunschweig, 02.06.2025, zu sehen sind Schüler*innen vor einer großen Leinwand, 2025, Durchführung von Thea Schüle. © Foto: Olga Sonderhoff
Abb. 5: Projektfoto, Projektarbeit, Kunstverein Braunschweig, 02.06.2025, zu sehen sind Schüler*innen vor einer großen Leinwand, 2025, Durchführung von Thea Schüle. © Foto: Olga Sonderhoff
Endnoten
Beck, A. (2017): Let’s switch! Mit Jugendlichen unterwegs zwischen Sex und Kunst. In: Lüth, N. (Hrsg.): Vorausgesetzt: Kunst/Pädagogik und ihre Bedingungen (S. 34 – 57). Revolver Publishing, Berlin.
↩︎Garcés, M. (2022): Mit den Augen der Lernenden, übersetzt von Richard Steurer-Boulard, Wien: Turia + Kant, S. 86-99.
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